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Möllemann: Der Königsmörder rüttelt am Kanzleramt

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Jürgen W. Möllemann sieht rosige Zeiten für die FDP voraus. 18 Prozent könne sie schaffen und eine richtige Volkspartei werden. Ganz nebenbei sägt er kräftig am Stuhl des Vorsitzenden Gerhardt. Und der Königsmörder träumt bereits von der nächsten großen Rolle: Kanzlerkandidat.

Von Markus Deggerich

Nürnberg - Ein Jürgen W. Möllemann geht nicht einfach ans Rednerpult. Er tritt auf. Und die Inszenierung der Mölli-Show auf dem FDP-Parteitag begann schon am Vorabend. Beim Presseempfang scharten sich die Journalisten um den Muskelmann der Liberalen. Damit auch jeder seine magnetische Anziehung registrierte, wanderte der Münsteraner durch den ganzen Saal, den Pressetross immer im Blick und im Schlepptau.

Am Freitag erteilt er dem Parteivorsitzenden Wolfgang Gerhardt während dessen Rede die Höchststrafe: ignorieren. Später bei seiner eigenen Rede wird er Gerhardt gratulieren für seine "sehr gute Rede". Wie er das beurteilen konnte, ist schleierhaft. Bereits zur Halbzeit von Gerhardts Ausführungen blätterte Möllemann nur noch in seinem eigenen Manuskript. Am Szenenapplaus beteiligt er sich nicht, und auch dem artigen Händeschütteln mit Gerhardt durch die anderen Präsidiumsmitglieder entzieht sich der selbst ernannte neue Liberalen-Lotse.

Wie das alles zu verstehen ist, wird gleich zu Beginn seiner Rede deutlich. "Mein Freund Wolfgang", setzt er an und macht eine Pause. Die Delegierten denken an Wolfgang Gerhardt - und lachen. "Mein Freund Wolfgang Kubicki hat uns eine Steilvorlage geliefert", sagt Möllemann über seinen Bruder im Geiste aus Schleswig-Holstein. Trockener Treffer. Gerhardt zuckt sichtlich zusammen und lacht gequält mit.

Was folgt, ist eine Abrechnung mit internen Kritikern und die Formulierung seines Anspruchs. Für Letzteres beleiht der Muntermacher der Liberalen keinen geringeren als Martin Luther King: "Ich habe einen Traum". Den Bremsern und Zweiflern in der FDP, die mit seinem Stil hadern, schreibt er ins Stammbuch: "Wir waren erfolgreich in Nordrhein-Westfalen, weil wir es anders, sehr anders gemacht haben." Und wer während der NRW-Kampagne sein Ziel von acht Prozent öffentlich in Zweifel gezogen habe, "sollte jetzt nicht so tun, als sei er für das Ergebnis von fast zehn Prozent verantwortlich."

Seinem Traum gibt Möllemann eine Zahl: 18 Prozent. Die alte deutsche Parteienlandschaft sei überholt. Die Christdemokraten hält er schlicht für überflüssig, die SPD stecke im großen Umbruch, die Grünen wollten allenfalls die alte Rolle der FDP einnehmen. Die neuen Liberalen, träumt Möllemann, sind keine Nischen-Partei mehr, sondern eine Freidemokratische Volkspartei. Das Potenzial sieht er bei bis zu 30 Prozent. Er belegt das mit den Erfolgen liberaler Parteien in europäischen Nachbarstaaten. Das einzige Problem sei die eigene Bescheidenheit und die Bremser in der eigenen Partei. Wer Erfolg wolle, darf nicht kleckern, sondern muss klotzen: "Das aber hängt mehr und mehr von Führungspersonen ab", dröhnt er. Ein Frontalangriff gegen Gerhardt.

Wer zur Verwirklichung des Traums das künftige Dream-Team anführen soll, bleibt nicht offen. Zunächst skizziert er in aller Bescheidenheit, was er für die Kampagne zur Bundestagswahl 2002 erwartet: klare Strategie, ein pointiertes Wahlprogramm, eine Kampagne, die Regeln bricht und vor allem keine Gremien, die bremsen. Noch ein Seitenhieb auf Gerhardt, der für Möllemann der Prototyp des bleichgesichtigen Kofferträgers und Aktenlesers ist. Und dann steuert der Redner auf den Höhepunkt der Mölli-Performance zu. Er holt tief Luft und steigert seine Stimme: "Und dann braucht die 18-Prozent-Partei, die die Regeln bricht und auf Augenhöhe mit den anderen Parteien steht: Einen eigenen Kanzlerkandidaten."

Die Delegierten lachen auf, amüsiert, aber auch fasziniert, einige stöhnen. Gerhardt lässt sich in seinem Stuhl zurückfallen und ruderte mit seinen Armen in der Luft: Ein Käfer, der auf dem Rücken liegt. Möllemann rüttelt am Gitter des Kanzleramtes. Den Satz mit dem eigenen Kanzlerkandidaten hatte er nachträglich handschriftlich in sein Manuskript geschrieben, als misstraue er der eigenen Courage. Aber warum nicht übers Ziel hinausschießen: Statt der ihm zustehenden fünf Minuten Redezeit nimmt er sich über 30. Und zu jeder sauberen Inszenierung gehört ein Höhepunkt, der dem Zuschauer den Atem verschlägt. Das Theater in der FDP ist eröffnet. An den Reaktionen der Delegierten ist abzulesen, dass sie sich noch nicht sicher sind, ob das Drama ein Happy End vorsieht. Aber die Rolle des Königsmörders ist besetzt.

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© SPIEGEL ONLINE - 16. Juni 2000, 19:21

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